Die Maske des Perfektionismus – Warum wir unangenehme Gefühle meiden

Masken: Schutzschilde des Perfektionismus
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Neulich war Elternabend in der Schule. Bevor ich das Haus verlassen habe, ging ich ins Bad und schminkte mich: legte Maskara auf, Rouge und Lippenstift. Meine 10-jährigeTochter sah das. Ihr Kommentar: „Ach Mama, das muss doch nicht sein! Immer willst du perfekt sein.“ Ich fühlte mich ertappt. Denn eigentlich will ich gar nicht „perfekt“ sein und das auch meinen Kindern nicht vermitteln. Und ich will auch keine „perfekten Kinder“. Offenbar bin ich aber selber vom Virus des Perfektionismus stärker infiziert als ich mir selber zugestehen will. Und  meine Tochter hält mir den Spiegel vor und liefert Stoff für mein Blog.

 

Was bedeutet Perfektionismus?

Was bedeutet Perfektionismus? Warum ist er allgegenwärtig? Und was hat Perfektionismus mit Gewaltfreier Kommunikation zu tun? Folgende Gedanken führten mich ins Bad: „Ich will ordentlich und nicht so blass und müde aussehen. Ich will kompetent erscheinen.“ Übrigens sind es nicht immer nur Gefühle, die auf unerfüllte Bedürfnisse hinweisen. Gedanken, Urteile und Glaubenssätze sind ebenso gute Wegweiser zu den Bedürfnissen. Welche Bedürfnisse wollte ich mir erfüllen? Dazu könnte ich nennen: Schönheit, Körperpflege, Kompetenz, Selbstausdruck, Respekt vor mir selbst, Zugehörigkeit.

 

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Perfektionismus ist kein Bedürfnis

Ich finde, das sind eine Menge Bedürfnisse für ein bisschen Schminke. Perfektionismus ist übrigens kein Bedürfnis. Aber die anderen Bedürfnisse zeigen, worum es bei Perfektion geht. Brené Brown, eine amerikanische Soziologin, definiert Perfektionismus in ihrem Buch: „Verletzlichkeit macht stark“ (Brown, 2012, Kapitel 4) als „…ein selbstzerstörerisches und suchtartiges Glaubenssystem, das dem zugrundeliegenden Gedanken Nahrung gibt: „Wenn ich perfekt aussehe und alles perfekt mache, kann ich die schmerzbesetzten Gefühle von Scham, Beurteilung und Tadel vermeiden oder minimieren.“

 

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Perfektionismus wird von Angst genährt

Warum denn jetzt Scham, Beurteilung und Tadel? Zurück zu meinem Beispiel: Wenn ich ungeschminkt zum Elternabend gehe, wo alle anderen Mütter geschminkt sind, dann werde ich mich schämen, weil ich nicht mehr Zeit dafür aufgebracht habe, um selbst perfekt auszusehen. In meinen Gedanken sehe ich beurteilende, tadelnde Blicke auf mir. Ob das realistisch ist oder nicht, darum geht es beim Perfektionismus nicht. Perfektionismus lebt von der Angst vor dem Ausschluss aus der Gemeinschaft. Das ist eine Urangst, die von unseren Vorfahren herrührt. Und sie hatte ihren Sinn: Denn in der Steinzeit kam der Ausschluss vom Stamm einem Todesurteil gleich. Außerhalb des Dorfes lauerten allerlei Gefahren durch wilde Tiere oder widriges Wetter. Wer sich alleine durchschlagen musste, bezahlte womöglich mit dem Leben. Daher war Anpassung überlebenswichtig.

 

Die Seele gerät aus dem Gleichgewicht

Heute ist zwar nicht mehr unser Leben bedroht, sehr wohl aber unser seelisches Gleichgewicht. Wenn ich versuche, perfekt zu sein, dann mindere ich das Gefühle der Scham. Brown (2012, Kapitel 3) definiert Scham als „…das äußerst schmerzhafte Gefühl beiziehungsweise die äußerst schmerzhafte Erfahrung zu glauben, dass wir fehlerhaft sind und deshalb keine Liebe und Zugehörigkeit verdienen.“ Das ist hart. Es scheint also leichter perfekt zu sein als dieses unangenehme Gefühl zu fühlen. Das Gefühl des peinlich Berührt seins, kennen sowohl Männer als auch Frauen.  Die Botschaften und Erwartungen, die dahinterstecken, sind aber abhängig vom Geschlecht. Brené Brown hat das in ihrem Buch genau untersucht (Brown, 2012, Kapitel 3).

 

Schönheit an erster Stelle

Das Aussehen steht bei Frauen an erster Stelle, wenn sie perfekt sein wollen. Das ist für mich nicht verwunderlich – siehe meine Beispiel. Schließlich bekommen Mädchen auch heute noch vermittelt, dass sie klein, süß und ruhig sein sollen. Da bin ich keine Ausnahme – weder als Tochter noch als Mutter. Dass sich Frauen bei dieser Fokussierung selbst kleinmachen, wird dabei leicht übersehen und zeigt wie irrational das Streben nach Vollkommenheit ist. Schließlich haben Mädchen heute dieselben Chancen wie Jungen, erwerben sich Kompetenzen, verdienen ihren Lebensunterhalt selbst und machen Karriere.

 

Perfektionismusfalle Kind

Auch die Mutterrolle führt, nach Brown, oft zu Perfektionismus. Dabei muss frau noch nicht einmal ein Kind haben. Wer keine Kinder hat, muss dies erklären. Wer Kinder hat, muss erklären, warum sie diesen oder jenen Erziehungsstil pflegt. Und nicht zuletzt leidet die Arbeit. Dann muss sie sich kritisieren lassen, weil sie wieder zu spät ist, keine Überstunden machen kann oder sich um das kranke Kind kümmern will, und so weiter. Und Hilfe darf sich die Mutter auch nicht holen. Schließlich soll sie ja alles alleine schaffen. Und das auch noch mühelos und mit einem Lächeln.

 

Alles unter Kontrolle

Kein Wunder, dass frau sich nie gut genug fühlt. Irgendein Defizit findet sie immer. Besser man tut so als hätte man alles unter Kontrolle. Es ist als hätte frau eine Liste im Kopf, die sie abhaken müsste: Schulabschluss, Ausbildung, Studium, Karriere, fester Partner, Kind, Schönsein und Schlanksein. Und wenn ein Punkt nicht abgehakt ist, muss sie sich erklären. Ob sie glücklich ist, danach fragt keiner. Und warum tut frau sich das an? Perfektionismus ist ein Schutzmechanismus. Er ist wie eine Maske, die wir aufsetzen, um uns zu verstecken. Keiner sieht unser wahres Gesicht. Die Maske schützt uns vor Verletzungen.  Denn Perfektion ist die ultimative Furcht davor, dass die Leute mich so sehen, wie ich wirklich bin. Das gilt für Frauen und Männer.

 

Männer und Perfektionismus

Und was führt Männer zur Perfektion? Laut Brown können es Männer nicht ertragen, Schwäche zu zeigen: nicht bei der Arbeit, im Sport, in der Partnerschaft, im Bett und gegenüber Kindern. Sie empfinden Scham, wenn sie sich weich und ängstlich zeigen. Ein Indianer kennt schließlich keinen Schmerz. Dahin werden Jungs auch heute noch getrimmt. Fällt ein kleiner Junge hin und schlägt sich das Knie auf, dann kriegt er zu hören: „Ist ja nicht so schlimm.“ Auch die Angst vor dem Versagen oder nicht in Ordnung zu sein erzeugt bei Männern Perfektionismus.

 

Sich an Bedürfnissen orientieren

Wie kann ich aus diesen ungesunden Botschaften und Erwartungen ausbrechen? Zunächst einmal gehört viel Mut dazu, die Maske abzulegen. Denn alles, was wir von Kind auf verinnerlicht haben, ist schwer zu lösen. Gut, wenn man dann seine Bedürfnisse kennt. Wenn der Wolf seine Show abzieht und dir mit seinem Gekläffe sagt: “Du bist nicht gut genug“, dann antwortet die Giraffe: „Doch, du bist gut genug!“ Sie fragt: „Welche Gefühle und Bedürfnisse hast du? Wie könntest du sie dir erfüllen?“  In der Gewaltfreien Kommunikation geht es darum, dass du dich als echter, verletzlicher Mensch zeigst. Die Giraffe steht für Empathie und den liebevollen Umgang mit dir selbst und anderen. Perfektionismus ist das Gegenteil davon. Wer erkennt, dass er in einer bestimmten Situation nicht perfekt ist, wird Scham empfinden. Aber statt dieses unangenehme Gefühl wahrzunehmen, wird man oder frau weiter versuchen, die Fassade der Vollkommenheit aufrechtzuerhalten. Denn das scheint leichter als sich der Scham zu stellen.

 

Angst gewinnt die Oberhand

Die GFK ist für mich der Weg, um mich echter zu zeigen. Deswegen heißt dieses Blog „Sich Zeigen“. Ich möchte meine Maske ablegen, zumindest ab und zu. Aber die Angst vor Beurteilung und Kritik gewinnt immer wieder die Oberhand. Das ist mir beim Schreiben dieses Beitrags einmal mehr klargeworden. Das schwierige Gefühl der Scham kenne ich sehr gut.  Aber wenn ich  meine Bedürfnisse kenne, kann ich mich in die Richtung zu mehr Authentizität bewegen. Zu akzeptieren, dass ich auf meinem Weg oft nur langsam vorankomme, sehe ich als Teil des Heilungsprozesses. Für den nächsten Elternabend in der Kita habe ich mich übrigens nicht extra zurechtgemacht.

 

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