Wirksamkeit auf mitfühlende Weise

Macht in der Gewaltfreien Kommunikation

„“Anderen Menschen etwas Gutes zu tun, die Arme auszubreiten und ein bisschen Mitmenschlichkeit zu teilen, das fühlt sich gut an“ (Aloys Vimard). Das ist das Schlusswort in einem Interview von Spiegel-Online. Gesprochen hat Spiegel mit Aloys Vimard, einem Krankenpfleger aus Frankreich, der für Ārzte ohne Grenzen auf der „Aquarius“ arbeitete. Zur Erinnerung: Das Schiff durfte nicht in Italien und Malta anlegen und musste mit über 600 Geflüchteten bei hohem Wellengang über das Mittelmeer nach Valencia in Spanien fahren. Inzwischen sind die Menschen in Sicherheit. Dieses Interview hat mich sehr berührt und dazu inspiriert über das Thema Macht in der Gewaltfreien Kommunikation nachzudenken. Denn es zeigt einerseits, wie Macht trennend wirken kann, aber auch wie sie verbinden kann.

Von Herzen schenken

Die Arme ausbreiten und Mitmenschlichkeit zeigen: das klingt nicht nach Macht, sondern sehr christlich. Aber meiner Meinung nach ist es universell menschlich und entspricht der Haltung der Gewaltfreien Kommunikation. Marshall Rosenberg drückt es so aus: „Wenn wir von Herzen schenken, dann tun wir das aus der Freude heraus, die immer dann entsteht, wenn wir das Leben eines anderen Menschen bewuß bereichern. Auf diese Weise zu schenken ist sowohl für den, der gibt als auch für die, die nimmt ein Gewinn. Die Beschenkte freut sich über die Gabe, ohne sich über Konsequenzen, die Geschenke aus Angst, Schuldgefühl, Scham oder Profitstreben mit sich bringen, Gedanken zu machen. Der Gebende gewinnt durch die Stärkung seiner Selbstachtung; das geschieht, wenn wir erleben, dass unsere Handlungsweise zum Wohlergehen eines anderen Menschen beiträgt.“

Leid sehen ist unpopulär

Nur leider ist diese Art von Mitmenschlichkeit und Gebenwollen in dieser Welt derzeit bedroht. Bedroht durch Politiker, denen ihre eigene Macht wichtiger ist als zum Wohlergehen anderer beizutragen. Das Leid von Menschen zu sehen oder sogar mildern zu wollen, ist in der Politik derzeit unpopulär. Und manche sind sogar so zynisch und stärken ihre Macht auf dem Rücken der Schwächsten. Politiker hierzulande und in der ganzen Welt könnten  ihre Macht dafür einsetzen, dass niemand mehr aus seinem Heimatland fliehen muss.

Unmenschliche Haltung

Die Bilder an der amerikanisch-mexikanischen Grenze treiben mir Tränen in die Augen. Der Herr im weißen Haus braucht diese Bilder, um seine Entschlossenheit zu zeigen. Und das Schlimme ist, dass er genug Anhänger hat, die das auch noch gutheißen. Dass die Kinder der Menschen, die in den USA Zuflucht suchen, nun mit ihren Eltern gemeinsam eingesperrt werden sollen, ändert nichts an der unmenschlichen Haltung mit der sie behandelt werden.

Herzlose Politiker

Der Gedanke, dass diese herzlose Politik noch länger andauern wird, macht mir Angst. Bei diesem Politikstil fehlt jedes Mitgefühl. Wie ein Land aussieht, wo Menschlichkeit und Mitgefühl unter den Mächtigen fehlen, kann man in Syrien sehen –- also dort, wo viele Hilfesuchende herkommen. Meine Eltern haben als Kinder noch die NS-Diktatur erlebt. Ich möchte in so einem Geist nicht leben und meine Kinder aufwachsen sehen. Macht ist übrigens kein Bedürfnis. Menschen, die nach Macht streben, wollen ihr Bedürfnis nach Wirksamkeit erfüllen. Aber es gibt unzählige Möglichkeiten, wie man dieses Bedürfnis erfüllen kann. Diktatorische Macht oder auch Populismus zu Lasten der Schwachen sind schlechte Alternativen.

Strafende Macht

Auch Marshall Rosenberg hat sich mit dem Thema Macht intensiv beschäftigt. In seinem Buch „Gewaltfreie Kommunikation – eine Sprache des Lebens““ (Paderborn, 2001) widmet er dem Thema ein ganzes Kapitel (S.181ff)). Dabei unterscheidet er zwischen beschützender und bestrafender Macht. Auch wenn körperliche Züchtigungen heutzutage weniger geworden sind, strafen viele Eltern ihre Kinder mit Schimpfen und Vorwürfe, indem sie etwa sagen: „“Du bist so dumm“,“ oder „ „Du bist eine Lügnerin““. Wie nachhaltig solche Urteile wirken, könnt ihr in meinem Artikel über Selbstmitgefühl nachlesen. Die Einschränkung von Privilegien ist eine andere gängige Methode der Bestrafung: z.B. Kürzung des Taschengeldes oder Stubenarrest. Der Verursacher einer „Missetat“ soll leiden.

Beschützende Macht

Beschützende Macht dagegen hat zum Ziel, Verletzungen oder Ungerechtigkeit zu verhindern. Wenn zum Beispiel mein 2-jähriges Kind auf die Straße läuft, werde ich es festhalten und wieder in den Garten zurücktragen. Danach werde ich mit ihm darüber sprechen, wie gefährlich sein Tun war und dass ich Angst hatte. Auf eine Strafe oder Schimpfen werde ich verzichten. Das wäre strafende Macht und würde dazu führen, dass mir das Kind nicht zuhört. Um in diesem Zusammenhang auf die Politik zurückzukommen. Der Einsatz der Uno-Sicherheitskräfte kommt aus diesem Geist: man will Verletzungen und Ungerechtigkeiten gegenüber Schwachen einschränken.

Macht über und Macht mit

Die Gefahr der Strafen liegt darin, dass der Strafende seine Macht mit dem Gestraften verliert. Wenn ich als Mutter von meinen Kindern wie eine urteilende Richterin angesehen werde, dann brauche ich mich nicht wundern, wenn sie auf meine Bedürfnisse nicht mehr eingehen. Schließlich lernen sie so, dass sie sich davor hüten müssen, von mir erwischt zu werden. So hätte ich zwar die Macht über meine Kinder. Aber die Macht mit ihnen habe ich nicht. „Macht mit“ bedeutet, dass wir miteinander reden und gemeinsam eine Lösung finden. Mein Einfluss auf die Kinder wird größer, wenn ich ihnen echte Zuwendung, Mitgefühl und Empathie schenke. Wenn ich ihre Bedürfnisse im Blick habe, komme ich zu besseren Lösungen. Das gilt auch für alle anderen Beziehungen –- auch in der Politik. Wenn ich mit Kritik, Mauern und Urteilen arbeite, brauche ich mich nicht wundern, wenn die Gegenseite nicht zur Kooperation bereit ist.

Liebevoller Umgang in der Familie

Um in meiner Familie einen liebevollen Geist herrschen zu lassen versuche ich die Werte der Gewaltfreien Kommunikation zu leben:

  • Ich nehme sie ernst.
  • Ich sehe die Bedürfnisse meiner Kinder.
  • Gefühle dürfen sein – auch wenn sie mir unangenehm sind.
  • Ich urteile und verurteile nicht.
  • Ich möchte zu ihrem Wohlergehen beitragen

Mut zur mitfühlenden Wirksamkeit

Manchmal gelingt mir das besser und manchmal schlechter. Aber ich hoffe, dass meine Kinder so gestärkt werden, dass sie nicht auf Rattenfänger hereinfallen, die ihnen die Freiheit nehmen wollen. Und sie sollen den Mut haben, wirksam zu sein ,aber nicht auf Kosten von anderen. Die Arme ausbreiten und anderen Menschen etwas Gutes tun – dazu gehört Mut. Die Geflüchteten auf ihrer Fahrt durch das Mittelmeer begleiten wie es Aloys Vimard tat. Das ist beschützende Macht.

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