Vergiss dein Selbstwertgefühl und stärke deine Selbstliebe

Selbstliebe-versus-Selbstwertgefühl

Leute mit einem hohen Selbstwertgefühl fühlen sich glücklich. Das wurde wissenschaftlich bewiesen . Trotzdem ist das nicht so einfach zu erreichen. Durch das Streben nach einem hohen Selbstwertgefühl entstehen sogar Probleme bis hin zum Burnout. Weil ich den Erfolg im Studium mit meinem eigenen persönlichen Wert verbunden habe, fühlte ich mich im Examen ausgebrannt und wertlos. Leider dauerte es etwa 20 Jahre bis ich einen Gegenentwurf zum Selbstwertgefühl kennenlernte, nämlich Selbstliebe. Mit Selbstliebe oder Selbstmitgefühl wirst du deine eigene beste Freundin werden und kannst gut für dich sorgen. Wenn du gut für dich sorgst, kannst du das auch für andere tun. Es ist eine Kettenreaktion.

Stärke dein Selbstmitgefühl als Quelle der Kraft

Ich glaube, dass Selbstliebe besonders für Hochsensible eine wichtige Quelle der Kraft ist. Das Gefühl des Andersseins verfolgt mich so lange ich denken kann. Ich wählte die Strategie der Anpassung – manchmal erfolgreich, manchmal nicht. Den Mut zu sagen: „Ich bin eben anders,“ hatte ich nicht. Wollte ich auch gar nicht. Gerade als Jugendliche will man ja dazugehören. Mein Bedürfnis nach Gemeinschaft war groß und oft unerfüllt. Auf meine Gefühle hörte ich nicht. Bis heute denke ich immer wieder, dass andere Leute alles besser im Griff haben und cleverer sind als ich, besonders andere Mütter.

Das Selbstwertgefühl muss genährt werden

Dass nicht jeder ein hohes Selbstwertgefühl hat, hängt mit der familiären Prägung, der allgemeinen Lebensgeschichte und der Lebenssituation zusammen. Für mich persönlich hängt es auch mit der Hochsensibilität zusammen, die einem schnell die eigenen grenzen aufzeigt. Es ist ein zartes Pflänzchen, das gepflegt werden will, sonst geht es ganz schnell zugrunde. Und wer ein niedriges Selbstwertgefühl hat, wird unglücklich oder gar depressiv.

Urteile über dich selbst

Das Selbstwertgefühl ist ein Konstrukt aus komplizierten Gedanken. Im Kern ist es ein Urteil über dich selbst. Du versicherst dir selbst, dass du ein guter, wertvoller Mensch bist. Objektiv ist dieses Urteil nicht. Es ist sogar noch komplizierter: das Selbstwertgefühl resultiert auf der Beurteilung darüber, was du wahrnimmst, was andere von dir denken. Du bist also abhängig von der Meinung anderer. Ist die Meinung über dich selbst und die Einschätzung, die du von anderen zu erhalten glaubst, hoch, dann hast du das Gefühl einen hohen Selbstwert zu haben. Das allein ist nicht problematisch. Wenn du aber danach strebst einen höheren Selbstwert zu erreichen, kannst du das auf verschiedene Arten tun:

  • Deine Kompetenzen in den Bereichen ausbauen, die dir wichtig sindFür den einen mag es wichtig sein, ein guter Fußballspieler zu sein. Die andere definiert sich über ihren Körper und schreckt auch vor der fünften Schönheits-OP nicht zurück.
  • Andere Menschen herabsetzen oder beschuldigen
    Damit lenkst du negative Aufmerksamkeit von dir weg auf einen anderen und stehst selber in einem besseren Licht da – in der Eigenwahrnehmung und auch in der Wahrnehmung von anderen.
  • Einem Idealbild von dir selbst nacheifernDu identifizierst dich sich sehr stark mit einem Bild, das du von sich selbst gemalt hat. Wenn du diesem Idealbild in einer Situation nicht entsprichst oder es gar durch andere bedroht wird, fühlst du dich in deiner realen Existenz bedroht und kämpfst entsprechend.
  • Du wünschst dir nichts sehnlicher als die Anerkennung andererDu braucht immer wieder Bestätigung. Deine Gedanken kreisen nur um dich (Narzissmus).
  • Dich selbst bestrafen Du verwehrst dir Dinge, die dir Freude machen und gut tun, weil du deine eigentliche Aufgabe, z.B. für die nächste Prüfung lernen, noch nicht erledigt hast.

Selbstliebe: Stärkung von innen

Kennst du diese Strategien? Wendest du eine von ihnen selber an?  Ich kenne die letzte Strategie ganz gut. Alle diese Strategien haben eines gemeinsam: sie sind destruktiv. Wer viel Energie darauf verwendet einen hohen Selbstwert anzustreben, verliert die Verbindung mit sich selbst. Der Ausweg heißt Selbliebe. Selbstwertgefühl und Selbstliebe sind quasi zwei Sichtweisen auf das Leben. Das Selbstwertgefühl geht von einer perfektionistischen Sichtweise aus und richtet sich nach den gesellschaftlichen Normen. Mit Selbstmitgefühl besinnst du dich auf dich selbst und stärkst dich von innen heraus. So kann dir das Leben nicht so viel anhaben. Du bist dir selbst die nächste und reagierst auf Schmerz mit Selbstliebe und umsorgst dich selbst.

Selbstliebe kommt ohne Kritik aus

Die Bekanntschaft mit Selbstliebe habe ich in einem Kurs für Achtsamkeit gemacht. Die Teilnehmer durften ihren inneren Kritiker laut sprechen lassen. Und das war schlimm. Es war erschütternd zu hören, wie sich nette, intelligente Menschen selbst nieder machen. Mir wurde bewusst, wie grottenschlecht ich mit mir selber umgehe. Ich sprach in einem Ton, den ich nie jemand anderem gegenüber anschlagen würde, etwa so: „Oh Mann, du bist so ein Idiot. Du solltest langsam mal wissen, dass du an dieser Kreuzung keine Vorfahrt hast. Kein Wunder hat dir der Fahrer im anderen Auto wütende Zeichen gemacht. Geschieht dir Recht!“

Sich selbst ins Lot bringen

Kommt dir das bekannt vor? Verurteilst du dich auch selber, wenn du einen Fehler gemacht hast? Dann gehst du sehr gewaltvoll mit dir selber um. Die kritische Stimme zum Verstummen zu bringen macht das Leben wirklich schöner. Man hat genug Leid und muss es nicht noch selbst schlimmer machen. Wenn du dir bewußt wirst, dass du gut zu dir selber sein kannst und auch darfst, wird es dir besser gehen. Ich behaupte nicht, dass ich nie mehr so mit mir spreche. Aber wenn ich es tue, merke ich es oft und lasse die Selbstvorwürfe sein, etwa so: „Ich war in Gedanken und habe zu spät realisiert, dass ich hätte halten sollen. Und gleichzeitig ist nichts Schlimmes passiert.“. Wenn man sich dagegen immer wieder selbst runter macht, glaubt man Ende, dass man zu doof ist, um das Leben zu meistern, und handelt auch entsprechend.

Tückische Botschaft

Warum überhaupt Selbstkritik? Was macht es so schwierig davon abzulassen? Das kann ein Resultat der Prägung sein. Wer sehr kritische Eltern hat, wird eher zur Selbstkritik neigen. Wir haben diese Kritik so sehr verinnerlicht, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen oder diesen inneren Dialog als ganz normal ansehen. So ging es mir bevor ich meine innere Stimme laut sprechen ließ. Kritische Eltern vermitteln ihren Kindern die Botschaft: „Du bist schlecht und hast jede Menge Fehler. Deswegen akzeptieren wir dich nicht so wie du bist. Du musst dich bessern.“ Sind diese Kinder erwachsen, geht das Gemecker in ihren Köpfen weiter. Selbstliebe kann das abstellen und heilen.

Strategien für mehr Selbstliebe

Aber wie macht man das? Wie kann man Selbstliebe praktizieren? Auch dafür gibt es verschiedene Strategien.

  • Gewaltfreie Kommunikation lernen bedeutet SelbstliebeDas entspricht meinem Weg. Ich habe über die Gewaltfreie Kommunikation zu den Themen Achtsamkeit und Selbstmitgefühl Zugang gefunden. Marshall Rosenberg zeigt mit seinem Vier-Schritte-Prozess, wie man empathisch mit sich selbst und anderen ist. Eben indem man sich seine Gefühle und Bedürfnisse in einer bestimmten Situation bewusst macht und sich auch in die Gefühle und Bedürfnisse seines Gesprächspartners einfühlt. Wer Gewaltfreie Kommunikation praktiziert, entwickelt Selbtliebe gleich mit.
  • Selbstkritik und Schubladendenken sein lassenIn der Gewaltfreien Kommunikation führen nicht nur Gefühle oder körperliche Empfindungen zu den Bedürfnissen. Man kann auch von einem Urteil direkt zu einem Bedürfnis kommen. Zum Beispiele könnte ich denken: „Die Kinder sind so rücksichtslos.“ Mein damit verbundenes Bedürfnis könnte sein: ich brauche mehr Unterstützung im Haushalt. Dafür brauche ich aber einen inneren Abstand, um diesen Gedanken als ein Urteil zu erkennen und mich nicht in dem Gedanken zu verlieren, dass mit meinen Kindern etwas nicht stimmt und dabei immer wütender und hilfloser werde.
  • Sich als Teil eines Ganzen sehenVerbindung und Liebe sind die wichtigsten Werte in der Gewaltfreien Kommunikation. Ich kann mich mit allen Menschen verbunden fühlen, weil jeder Gefühle und Bedürfnisse hat. Jeder Mensch macht immer wieder schwierige Erfahrungen und leidet. Daher ist mein Leid im Moment zwar schmerzhaft, aber ich bin nicht die einzige, die leidet. Ich habe mir ein eigenes Mantra der Selbstliebe zugelegt. Das sage ich mir immer, wenn ich in eine schwierige Situation komme. Das geht so: „Jetzt, in diesem Augenblick fühle ich Leid.  Leid gehört zum Leben. Möge ich freundlich zu mir selbst sein und mir das Mitgefühl schenken, das ich jetzt brauche.“
  • Leiden anerkennen, ohne es ändern zu wollenOft neigt man in schwierigen Situationen zu Selbstmitleid, aber das führt letztlich dazu, dass man immer wieder um sein Problem kreist und keinen Ausweg findet. Ein Schritt zu einer Lösung ist es, das Leid zuzulassen ohne direkt nach Strategien zu suchen, um es zu ändern. Ich gehe mit Sicherheit fürsorglicher mit mir um, wenn ich mich krank (=Leid) ins Bett lege und ausruhe (Fürsorge) statt mich mit Medikamenten vollzupumpen um zu arbeiten (ungesunde Strategie).
  • Selbstliebe bedeutet sich selber Gutes tunWenn es mir gut geht, werde ich mich nicht so schnell im destruktiven Gedankenkarussell wiederfinden. Wie wäre es mit einer Massage, einem lustigen Film oder Yoga-Übungen? Oder was immer dir sonst guttut und dir angenehme Gefühle bringt. Gönne es dir regelmäßig!
  • An etwas Angenehmes denkenÜberlege dir, wann dein Herz aufgeht. Wann fühlst du dich sicher und geborgen? Wer liebt dich und wen liebst du? Wann fühlst du dich mit anderen verbunden? Von wem erfährst du gerne Fürsorge? Wen umsorgst du gerne und fühlst dich sogar noch genährt dabei? Wenn du dich allein und getrennt fühlst, können solche Gedanken deine Energie wieder in Fluss bringen.

Keine Chance für Perfektion

Wenn ich mich mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen verbunden fühle, dann fühle ich mich glücklich. Und ohne die nervige Stimme meines inneren Kritikers geht es mir gleich noch viel besser.  Dann fällt es mir leichter meine Ziele zu erreichen – ohne mentale Peitsche. Und gleichzeitig gehört Mut dazu, sich verletzlich zu zeigen.  Denn wenn du einen hohen Selbstwert anstrebst, willst du perfekt sein. Und Perfektionismus ist eine Maske, die du dir aufsetzt, damit du deine eigene Unzulänglichkeit nicht fühlst. Wenn du dich entscheidest  aus vollem Herzen zu leben, hat Perfektionismus keinen Platz mehr. Wohl aber Liebe. Wenn du dich nicht verurteilst, wenn du mal wieder in ein Fettnäpfchen getreten bist, dann fällt es dir leichter, dich zu zeigen. Und du wirst auch fürsorglicher und liebevoller mit andern umgehen. Und: Selbstliebe ist eine Strategie, um ein höheres Selbstwertgefühl zu erreichen, aber auf gesunde Weise!

Selbstliebe bringt Entlastung

Die Idee zu diesem Beitrag bekam ich durch das Buch „Selbstmitgefühl – Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden“ von Kristin Neff (Affiliate-Link). Für Neff ist Selbstmitgefühl der liebevolle Gegenentwurf zum harten Streben nach einem hohen Selbstwert. Mit gefällt der Begriff Selbstliebe besser. Wenn du die Liebe für dich selbst entdeckst, brauchst du nicht mehr so sehr nach Anerkennung und Liebe im Außen such. Das ist sehr entlastend. Du wirst selbst deine beste Freundin oder dein bester Freund. Und wer kennt dich besser als du?  Also: Vergiss dein Selbstwertgefühl und stärke deine Selbstliebe!

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