Bitte oder Forderung? Was den Unterschied ausmacht

Eine Bitte formulieren, aber keine Forderung stellen

Eine Bitte auszudrücken ist in der Gewaltfreien Kommunikation ganz natürlich das Resultat aus den vorhergehenden Schritten: Beobachten ohne zu bewerten, Gefühle fühlen und Bedürfnisse finden. Aber Vorsicht! In der Gewaltfreien Kommunikation ist eine Bitte eine Bitte und keine Forderung! Aber was macht den Unterschied aus? Worauf musst du achten?

Eine Bitte ist eine Einladung

Das ist für mich der wichtigste Aspekt. Eine Bitte ist die Einladung an meinen Gesprächspartner zu meinem Wohlergehen beizutragen. Ich spreche damit seine natürliche Freude am Geben aus vollem Herzen an. Und dazu brauche ich die mitfühlende, offene und wertschätzende Haltung der Gewaltfreien Kommunikation.

Ich will nicht, dass jemand meine Bitte als Forderung auffasst und sie aus Schamgefühl oder aus Angst vor den Konsequenzen erfüllt.

In unserem von der Wolfssprache geprägten Alltag sieht das oft anders aus.

Ein Satz wie: „Bring jetzt bitte den Müll runter“, ist eine Forderung – trotz des Wörtchens „bitte“.

Warum?

Eine Bitte ist keine Forderung

Weil der Sprecher fest davon ausgeht, dass seine Forderung erfüllt wird. Widerspruch wird nicht geduldet. Es wird auch oft mit Strafen gedroht. Oder die Person wird verurteilt und beschuldigt: „Du willst den Müll nicht runter tragen? Du bist so faul!“

Schauen wir uns ein Beispiel an:

Frau: „Könntest du den Müll runterbringen?“

Mann: „Ich kann gerade nicht“

Bitte oder Forderung? Es kommt darauf an, wie die Frau reagiert.

Es kommt auf die Reaktion an

Mögliche Antwort 1: „Ich sehe, dass du schon wieder vor dem Computer sitzt. Fühlst du dich unter Druck, weil die Steuererklärung noch nicht fertig ist?“

Mögliche Antwort 2: „Immer muss ich alles selber machen!“

Mögliche Antwort 3: “Wenn dir etwas an Arbeitsteilung liegen würde, dann könntest du den Müll schnell runtertragen.“

Welche Antwort gefällt dir am besten?

Mir gefällt Antwort 1 am besten, weil die Frau damit ihre Offenheit ausdrückt. Sie möchte wissen, was dem Mann gerade wichtiger ist als der Müll. Sie wird sicher nicht darauf drängen, dass ihr Mann jetzt sofort den Müll runterträgt.

Passende Lösungen finden statt Forderungen erfüllen

In Antwort 2 oder 3 stellt die Frau Forderungen. Sie duldet keinen Widerspruch. Sie ist im Fahrwasser der Wolfssprache. Und das ist gefährlich. Denn je öfter eine Bitte als Forderung gehört wird, desto kleiner wird der Wille diese zu erfüllen.

Forderungen stellen hat nichts mit wertschätzendem Umgang zu tun. Wenn ich nicht sehe, was in meinem Gesprächspartner vorgeht und was ihm im Moment wichtig(er) ist, dann wird er meinen Wunsch als Forderung wahrnehmen. Und je mehr Forderungen er hört, desto weniger wird er mir helfen wollen. Wir werden uns getrennt fühlen und nicht verbunden.

Wenn eine Forderung gehört wird, hilft auch das Zauberwort nicht. Der Bittende braucht Klarheit über seine Absichten. Dann kann er auch ein „Nein“ akzeptieren. Und es können Lösungen gefunden werden, die für alle passen.

Sich verletzlich zeigen macht den Unterschied

Wer bittet, zeigt sich bedürftig und verletzlich. Insofern gehört Mut dazu eine Bitte auch wirklich als Bitte zu meinen. Wenn ich keinen Widerspruch dulde, verstecke ich mich hinter den Vorwürfen, der Kritik und den Urteilen, die in mir hochkommen. Ich verschließe mich und habe die Chance verpasst, mich mit meinem Gesprächspartner zu verbinden und ins Gespräch zu kommen.

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