1. Schritt der Gewaltfreien Kommunikation: Beobachten ohne zu bewerten

Beobachten ohne zu bewerten: Person auf Berggipfel

Bereits der erste Schritt der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) ist eine Herausforderung: beobachten ohne zu bewerten.

Eine Herausforderung, weil uns genau das Gegenteil in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wir bewerten ständig, ohne es zu merken. Das entspricht der Wolfssprache.

Damit das klarer wird, schauen wir uns ein paar Beispiele an.

  1. „Du bist so faul.“
  2. „Alles weißt du besser.“
  3. „Du hast keine Disziplin!“

Wie reagierst du, wenn jemand so etwas zu dir sagt?

Beobachtungen nicht mit Bewertungen vermischen

Ich wäre erschrocken, geradezu schockiert und wütend. Ich würde mich spontan gegen solche Angriffe verteidigen. Damit würde ein Hin – und Her aus Argumenten und Gegenargumenten entstehen. Es kommt zum Streit. Der Grund dafür ist, dass in den Beispielen Beobachtungen und Bewertungen vermischt sind. Wie kann ich nun meine Beobachtungen frei von Bewertungen formulieren?

Hier habe ich Aussagen formuliert, die hinter den Urteilen von oben stecken könnten:

  1. „Ich sehe, dass du spielst, aber die Spülmaschine ist noch nicht eingeräumt.“
  2. „Du hast mich schon dreimal unterbrochen. So verliere ich den Faden.“
  3. „Seit du mit den Hausaufgaben angefangen hast, hast du schon zwei Mal mit deiner Freundin telefoniert.“

Klingt das nicht  freundlicher? Und damit kann man etwas anfangen.

Aufnahmeknopf drücken

Mit beobachten ohne zu bewerten ist gemeint, dass man eine bestimmte Situation sieht als würde sie gefilmt werden. Die Kamera ist objektiv. Wenn die Mutter nun sagt: „Du bist so faul!“, dann würde die Kamera das spielende Kind zeigen. Die Situation wäre ganz klar. Das Kind macht in diesem Augenblick nicht das, was seine Aufgabe ist oder was die Mutter von ihm erwartet. Aber ist es deswegen „faul“? Ist spielen schlecht? Ich kann mir vorstellen, dass man darüber reden kann, wann die Spülmaschine eingeräumt wird. Muss es sofort sein? Oder kann das Kind fertig spielen?

In der Welt der Urteile

Wenn ich sage, was ich höre oder sehe, zeige ich, dass ich offen bin für den anderen. Nach Giraffenart verschaffe ich mir den Überblick und den Raum für die weiteren Schritte der Gewaltfreien Kommunikation: Gefühle erspüren, Bedürfnisse definieren und eine Bitte formulieren.

Aber so spricht ja keiner!

Ja, und da liegt das Problem. Denn Urteilen ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist sogar Bestandteil unserer Erziehung. Und was wir in unserer Herkunftsfamilie gelernt, erfahren und vorgelebt bekommen haben, prägt unser gesamtes späteres Leben. Unser Autopilot läuft und wir merken es noch nicht einmal. Nach einem Jahr GFK-Training gelingt es häufig, Urteile zu identifizieren. Das können Urteile sein, die ich von anderen höre, die ich selber ausspreche oder denke. Oder ich beurteile mich selbst: „Ich bin zu dick.“ „Ich bin zu dünn.“ „Ich muss mehr Sport treiben.“

Richtig und Falsch

Übrigens ist auch Lob eine Form von Urteil. Gerade mit Kindern kommt einem ein „Das hast du aber toll gemacht!“ leicht von den Lippen. Aber wertschätzen tut man sein Kind damit nicht. Das Problem ist, dass wir niemals frei werden von solchen Urteilen – auch mit ganz viel Gewaltfreier Kommunikation nicht. Wenn ich merke, dass ich urteilende Gedanken habe, kann ich mich fragen, warum ich so urteile. Denn Urteile sind – wie Gefühle –  Hinweise auf unerfüllte Bedürfnisse. Und somit haben sie im Vier-Schritte-Prozess der Gewaltfreien Kommunikation ihren Platz und sind sogar nützlich.  Aber darüber in einem weiteren Artikel mehr.

„Du bist faul.!“ „Du bist so langsam.“ „Du bist ungeschickt.“ „Du denkst nur an dich.“ „Immer kommst du zu spät.“ Beim Urteilen geht es um Richtig und Falsch. Ich weiß, was richtig ist. Und du liegst falsch und du hast das gefälligst einzusehen. Damit bin ich nicht mehr mit mir selber verbunden. Ich suche die Fehler beim anderen. So entstehen Machtkämpfe, ganz nach Wolfsart.

Den anderen verändern wollen

Jemanden, der nicht so tickt, wie ich es für richtig halte, möchte ich verändern, oder bessern. Hast du schon mal versucht, jemanden zu ändern?

Hast du es geschafft?

Nein?

Na siehst du!!!

Du kannst jede Menge Energie dafür aufbringen jemanden ändern zu wollen. Aber erreichen wirst du nur, dass ihr euch noch mehr auseinander bewegt.

Lebensentfremdete Kommunikation

Die andere Person, z.B. dein Ehepartner, wird dir irgendwann nicht mehr zuhören, weil er sich nicht mehr akzeptiert fühlt und als Person nicht mehr gesehen. Das Urteil verhindert den objektiven Blick. Mit Kindern, an denen man ständig herumnörgelt, geht es genauso. Diese Kinder werden dir nichts mehr anvertrauen.

Beurteilen, Vergleichen, in Schubladen stecken, Kritisieren, Beleidigen und Niedermachen:  Das kommt uns ganz „normal“ vor. Aber Rosenberg nennt sie „lebensentfremdet“. Diese Art der Kommunikation schneidet uns von unserer Lebensenergie ab, von unseren Gefühlen und unserer natürlichen Freude am Geben und Nehmen.

Die GFK will eine Alternative aufzeigen. Sie will Raum schaffen für neue Strategien. Und wenn ich nicht auf meine „richtigen“ Standpunkt beharre, kann das gelingen. Dazu muss ich offen sein, für die Gefühle und Bedürfnisse des anderen. Und wenn ich diese sehe, habe ich eine gute Ausgangslage. Die Voraussetzung dafür ist, dass ich beobachten ohne zu bewerten kann.

Verbindung schaffen

Wenn wir uns den Menschen, die wir lieben, in mitfühlender Weise nähern und unsere Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken und deren Gefühle und Bedürfnisse sehen, schaffen wir Verbindung. Wir müssen nicht alles gut finden, was sie sagen und tun. Aber wenn mir etwas nicht gefällt, kann ich es auf mitfühlende Art ausdrücken, ohne zu verurteilen. Und dann können wir gemeinsam überlegen, was wir ändern können. So zeigen wir uns gegenseitig, wo wir stehen. Wir sehen, was im anderen lebendig ist. Darauf lässt sich aufbauen. Beobachten ohne zu bewerten ist der erste Schritt.

Wie geht es euch mit euren Urteilen? Merkt ihr, wenn ihr andere beurteilt?

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